2 Jahre PrEP in Deutschland… und jetzt?

Seit Mitte 2016 ist PrEP von der europäischen Medikamentenbehörde EMA zugelassen. Seit Ende 2017 gibt es mit dem Kölner „Blister-Modell“ die PrEP zu vernünftigen Preisen in deutschen Apotheken. Seit August 2017 machen wir PrEP-Beratung in München im Sub, parallel starteten die entsprechenden Angebote der Münchner AIDS-Hilfe. Inzwischen nehmen eine ganze Menge schwuler Männer PrEP – und von denen, die das nicht tun, hören wir immer häufiger, dass sie das tun, weil sie sich bewusst dagegen entschieden haben. Heißt das, dass wir „durch“ sind mit der Beratung zu PrEP? Wo stehen wir aktuell – und was braucht es als nächste Schritte?

Ich persönlich glaube, dass wir noch lange, lange nicht am Ziel sind und dass es PrEP-Beratung, Diskussionen zu PrEP und schwuler Gesundheit und alle Angebote drumherum sehr wohl braucht. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Hier ein paar davon:

1) Viele schwule Männer wissen nicht genug über PrEP – haben aber trotzdem Sex ohne Kondome.

Ein bekanntes schwules Dating-Portal führte in 2018 eine große Befragung seiner Mitglieder zu PrEP durch. Fast 70.000 schwule und bisexuelle Männer wurden befragt. Bei allen methodischen Schwächen der Befragung sprechen die Ergebnisse eine sehr deutliche Sprache
(Quelle: https://www.planetromeo.com/de/care/prep-survey-results-2018/) :

(1) Nur 16% der User aus Deutschland nehmen die PrEP, Deutschland liegt damit weit hinter Ländern wie Großbritannien (31%), Niederlande (30%), Belgien (27% der User) und Frankreich (24%) und gleichauf mit Indien.

(2) Der Haupt-Grund, deshalb User keine PrEP nehmen, ist „Ich weiß nicht genügend über PrEP“ – fast 40% der Befragten geben dies an. Auch wenn jeweils knapp 30% sagen, sie wollen oder brauchen keine PrEP (da sie Kondome bevorzugen oder schlicht Sexualpraktiken haben die ohnehin safe sind) heißt das immer noch: Wir haben nach wie vor viel zu wenig breite und verfügbare Informationen über PrEP, allen Kampagnen zum Trotz.

(3) Gleichzeitig gibt eine Mehrheit der Befragten (knapp 55%) an, entweder manchmal oder immer Sex ohne Kondom zu haben. D.h. selbst wenn die gut 10% HIV-positiven Nutzer und die ca. 16% PrEP-Nutzer abzieht, reden wir immer noch von knapp 30% aller Befragten, die zumindest ab und an signifikante HIV-Risiken eingehen.

Nochmal im Klartext: In einer Zeit, in der beinahe JEDE sexuelle HIV-Infektion unnötig ist weil sie einfach vermeidbar wäre, weil mit Kondom, Therapie als Prävention und PrEP ein Paket an Safer Sex-Maßnahmen bereit steht, das für jeden schwulen und bisexuellen Mann eine passende Variante bereithält, haben wir in einem entwickelten Land wie Deutschland nach wie vor eine Menge HIV-Infektionen – und einer der wesentlichen Gründe ist mangelnde Information.

Dagegen anzukämpfen lohnt sich – und deshalb machen wir PrEP-Beratung, deshalb machen wir diesen Blog.

2) In Teilen unserer Community herrscht eine PrEP skeptische bis PrEP-negative Haltung, die viele Menschen davon abhält, sich vernünftig zu schützen

Man könnte ja glauben, ein Medikament, dass vor DER „Schwulenseuche“ des Jahrhunderts, der Krankheit, die zigtausende unserer Brüder und Freunde auf dem Gewissen hat, das uns mehrere Jahrzehnte der Tabuisierung und Verteufelung von schwulem Sex eingebrockt hat, präventiv schützt, würde großen Applaus hervorrufen in der schwulen und queeren Szene.

Leider ist dem bei weitem nicht so, zumindest nicht unisono.

Natürlich freuen sich viele über die Möglichkeit, PrEP zu nehmen. Aber wenn man sich die Kommentare unter PrEP bezogenen Artikeln in queeren Medien, die typische Haltung von Journalist*innen in Mainstreammedien, aber auch die Kommentare in vielen Online-Profilen ansieht, merkt man, dass eine große Zahl von schwulen und bisexuellen Männern Vorbehalte gegenüber der PrEP und Sex ohne Kondom hat.

Die Gründe dafür sind vielfältig (und jede/r Einzelne wird hier mehrere Blogposts fülllen) und umfassen so unterschiedliche Aspekte wie permanente Verwechslung von „Sex ohne Kondom“ mit „unsicherem und damit unverantwortlichem Sex“ (u.a. in der oben verlinkten Studie), die teils begründete, in weiten Teilen aber unbegründete Angst vor „all dem anderen, was man sich da so holen kann“ bis hin zu sehr irrationalen Sorgen davor, mit einem PrEP-User einer „Schlampe“ zu begegnen oder jemand, der sich „nicht im Griff“ hat.

Nochmal im Klartext: Viele HIV-Infektionen wären vermeidbar, wenn wir als schwule Community aufhören würden, Sex ohne Kondom und/oder die PrEP zu verteufeln oder mit Scheinargumenten herunterzureden. Viele von uns übertragen ihr eigenes Unwissen, ihre Skepsis oder auch ihre persönliche Entscheidung gegen PrEP auf die Menschen um sich herum – und dadurch werden viele Möglichkeiten, Menschen auf die Idee zu bringen, PrEP zu nehmen, verpasst. 

Dies gilt insbesondere für Multiplikator*innen: Ärzt*innen, Teamer*innen in schwullesbischen Jugendzentren oder in der Flüchtlingsarbeit, Barkeeper, Lehrer*innen… Wer auch immer mit schwulen und bisexuellen Männern zu tun hat sollte sich ausführlich über PrEP informieren und eine offene Haltung dazu haben, selbst wenn er/sie die PrEP für sich selbst nicht nutzt.

Auch deshalb machen wir PrEP-Beratung und diesen Blog – weil es nicht reicht, die bloßen Fakten zu kennen, sondern weil es wichtig ist, typischen Mythen, Verkürzungen und teilweise falschen, teilweise zumindest halbfalschen Assoziationen entgegen zu treten, genau wie bewusst abwertendem Verhalten. Natürlich darf und soll jeder seine eigene Entscheidung treffen, ob und wie er Safer Sex macht. Aber er sollte das tun können auf Basis (a) der korrekten Fakteninformationen und (b) in einer Stimmung, in der jede Entscheidung auch ok und akzeptiert ist.

3) Wir erreichen aktuell die besonders gefährdeten Gruppen gerade NICHT

Bestimmte Gruppen von Männern, die Sex mit Männern haben, sind besonders gefährdet, sich mit HIV zu infizieren. Leider sind das gerade auch diejenigen, die wir in der Prävention und in der Beratung nicht so besonders viel erreichen.

(a) Junge schwule und bisexuelle Männer

Männer, die gerade am Beginn ihres (schwulen/bisexuellen) Sex-Lebens stehen, sind besonders gefährdet, sich mit HIV zu infizieren. Warum? Zum Einen neigt man in der frühen, noch nicht so erfahrenen Phase des Lebens manchmal einfach dazu, „Dummheiten“ zu machen, gerade wenn man sich nicht so auskennt oder unsicher ist. Zum Anderen gibt es unserer Erfahrung aus der Beratung nach gerade unter jungen MSM eine Vielzahl von unrealistischen Vorstellungen darüber, wie schwule Partnerschaft und Sexualität abzulaufen hat, verbunden mit Ängsten, Unsicherheiten und Blockaden. Kombiniert man diese Situation mit Mitteln, welche die Impulskontrolle senken (Alkohol, Drogen, aber auch Liebe), so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass in einer Art Übersprungshandlung das Kondom weggelassen wird – und zwar ohne, dass man vorher die PrEP genommen hat.

In Zahlen lässt sich diese Gefährdung deutlich nachvollziehen: Obwohl die Gruppe der 20-30-jährigen etwas kleiner ist als die Gruppe der 30-40-jährigen und obwohl man davon ausgehen kann, dass ein Teil der 20-30-jährigen noch vor dem Coming Out steht ist die Anzahl der HIV-Neuinfektionen in dieser Altersgruppe genauso hoch wie bei den 30-40 jährigen (und deutlich höher als in allen anderen Altersgruppen) (letztes verfügbares Jahr 2015, Quelle: http://www.gbe-bund.de/)

Leider machen wir aber in der Beratung die Erfahrung, dass nur wenige junge Männer PrEP ernsthaft in Betracht ziehen oder sich informieren – zu große die Ängste, als „Schlampe“ wahrgenommen zu werden und im Freundeskreis unter Druck zu geraten, zu fern und abstrakt die Vorstellung was es heißt, HIV-positiv zu sein.

(b) Geflüchtete und Migrant*innen

Wir wissen, dass Geflüchtete und Migrant*innen eine hohe HIV-Gefährdung haben aus einer Vielzahl von Gründen, unter anderem hohe HIV-Inzidenz in den Herkunftsländern, teilweise gering ausgeprägtes Wissen zu Gesundheit und Sexualität in den Herkunftskulturen, teilweise schlechte bis nicht vorhandene Finanzierung von Gesundheitsversorgung und Prävention.

Gerade in unserer Arbeit mit Geflüchteten merken wir: Wissen über sexuelle Gesundheit hält sich in Grenzen – und selbst wenn es da sind, sind viele Ressourcen, die zur Umsetzung nötig sind, nicht vorhanden.

(c) Ungeoutete/“diskrete“ MSM

Viele Männer, die Sex mit Männern haben, leben nicht offen schwul. Egal warum und unter welchen Umständen – die Wahrscheinlichkeit, dass jemand der Sex mit Männern hat, dies aber nicht offen zugibt, sich mit HIV infiziert ist groß, zumal diese Gruppe seltener schwulenspezifische HIV-Info-Materialien liest, sich damit nicht identifiziert und zusätzlich häufig ärztlich versorgt wird von Hausärzt*innen, die keine Erfahrung mit MSM haben und im Zweifel gar nicht wissen, dass ihr Patient mit Männern Sex hat.

In Summe heißt das: Unsere Arbeit als PrEP-Berater ist nicht beendet, nur weil wir das Gefühl haben, der Teil der Szene, den wir einfach übersehen können, ist informiert über PrEP und nimmt PrEP wenn sinnvoll. Im Gegenteil, der schwierige Teil der Arbeit geht gerade erst los.

Urgenusswurzel :: schwul :: sexpositiv :: herzlich Ehrenamtlicher PrEP-Berater im Sub München Aktivist für LGBTQ*I Empowerment

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