Mythos: „Gesund und 100% STI free“

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„Bist Du clean?“

Grindr-User

„Bin gesund“

Bar-Bekanntschaft

Wir hören diesen Satz bzw. die dahinter stehende Frage in unzähligen Varianten. „Ich bin clean“. „Bist Du gesund?“. „Bin sauber“. Oft versteckt er sich auch hinter Statements, die man auf Online-Profilen lesen kann, z.B. „only healthy“ oder „100% STI free“.

Im Kern geht es bei all diesen Statements und Fragen um eine Strategie, sich vor HIV und sexuell übertragbaren Krankheiten zu schützen, die sich im Fachjargon „Serosorting“ nennt. Einfach ausgedrückt: Man versucht, sich selbst zu schützen, in dem man versucht herauszufinden, ob der Partner potenziell ansteckend ist – und falls nein, erlaubt man sich weniger Schutz (z.B. das Kondom wegzulassen).

Lassen wir doch mal den „Myth-Buster“ auf diese Strategie los und gucken, was dahinter steht. Um schon Mal ein wenig Spannung rauszunehmen: diese Strategie ist nicht nur nicht besonders wirksam, sondern in manchen Fällen sogar besonders riskant! In einzelnen, sehr speziellen Fällen, kann sie durchaus wirksam sein, aber als generelle Herangehensweise ist sie nicht besonders geeignet.

1. Die Grundidee: Safer Sex schützt erstmal Dich selbst, erst in zweiter Linie Deinen Partner

Auch wenn es sich bequem anfühlt und angenehm klingt, vom Verhalten eines anderen zu profitieren: Am Besten ist es immer, wenn Du für Dich selbst eine Safer Sex Strategie hast, die funktioniert und die für Dein Verhalten und Deine Risikobereitschaft passt. Weil Du letztlich nur Dein eigenes Verhalten wirklich im Griff hast und nicht weißt, was andere Menschen wirklich tun und was sie Dir erzählen.

Das heißt: Wenn Du (vor allem, aber nicht nur anal) Sex mit anderen Männern hast, dann verwende entweder Kondome, nimm die PrEP – oder, falls Du positiv bist, nimm Deine Medikamente, bis Du unter der Nachweisgrenze bist. Und lass Dich regelmäßig (d.h. mindestens einmal jährlich, besser alle 3-6 Monate und nach sexuell intensiven Phasen) auf HIV und STIs testen mit Bluttest, Urinprobe und Abstrichen und ggf. behandeln.

Was aber, wenn Du Dich für die Strategie „Kondom“ entschieden hast, aber doch ab und an Lust hast, mal ohne Kondom zu vögeln? Oder wenn Du Sorge hast, Dich mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten anzustecken und deshalb „auf Nummer sicher gehen möchtest“?

Glaub mir, das ist in den allermeisten Fällen einfach keine gute Idee. Hier kommen die…

2. Gründe, warum „bist du gesund?“ keine besonders gute Schutzstrategie ist

Viele Menschen wissen nicht, dass sie mit HIV infiziert sind – insbesondere dann, wenn sie besonders ansteckend sind. Wenn Du mal in die Infektionsstatistiken des Robert Koch Instituts schaust, wirst Du sehen, dass ein hoher Anteil (derzeit ca. ein Drittel) der positiven HIV Tests in Deutschland Infektionen aufdeckt, die bereits mehrere Jahre unentdeckt geblieben waren. Es gibt sogar ein Fachwort für diese Fälle, die sogenannten „Late Presenter“. Also Menschen, die in der HIV-Versorgung erst auftauchen, wenn sie bereits viele Jahre das Virus in sich tragen oder aber sogar schon erste Symptome von AIDS zeigen.

Gründe dafür gibt es viele – Menschen haben sich bei einem einmaligen Kontakt angesteckt, den sie danach einfach verdrängt oder vergessen haben. Menschen haben Angst, mit HIV infiziert zu sein, und vermeiden deshalb den Test. Menschen gehören nicht zu einer der üblichen Risikogruppen und kommen deshalb gar nicht auf die Idee, sie könnten HIV haben – und ihre Ärzte auch nicht. Egal warum – die Wahrscheinlichkeit, dass jemand der sagt, er sei gesund, einfach nur nicht weiß, dass er HIV positiv ist, ist gar nicht so klein.

Besonders hoch ist diese Wahrscheinlichkeit natürlich, wenn jemand relativ frisch infiziert ist, das heißt sich erst in den letzten Wochen oder Monaten angesteckt hat – denn dann könnte es z.B. durchaus sein, dass der letzte Test „gerade noch“ negativ war – und er sich deshalb fälschlicherweise sicher fühlt. Besonders fatal ist das, weil die HIV Viruslast (d.h. die Menge an Viren, die man pro Milliliter Blut findet) in den ersten Wochen nach einer HIV-Infektion besonders hoch ist (am höchsten ca. 11 Wochen nach der Infektion), während sie danach typischerweise wieder sinkt.

Das heißt: Der frisch infizierte ist nicht nur einfach ansteckend, sondern sogar besonders infektiös.

Suche ich jetzt als „Bist Du gesund“-Frager bewusst nach Leuten die sagen, sie seien kürzlich erst negativ getestet worden, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf einen frisch infizierten treffe, der von seiner Infektion noch nichts weiß.

Viele sexuell übertragbare Krankheiten verlaufen völlig ohne Symptome oder mit sehr schlecht erkennbaren Symptomen. Eine frische HIV-Infektion verursacht am Anfang häufig gar keine Symptome oder solche, die man leicht auch als Erkältung oder grippalen Infekt interpretieren kann. Viele Infektionen mit Tripper, Chlamydien, Syphilis etc. verlaufen am Anfang völlig ohne Symptome.

Das heißt: Dein Partner weiß ohne Test einfach gar nicht, ob er infiziert ist, und Du selbst – falls Du Dich angesteckt hast – auch nicht. Die Aussage „ich bin gesund“ ist deshalb schlicht Blödsinn – Du kannst das gar nicht wissen, es sei denn, Du hast mehrere Wochen nach dem letzten Sex einen Test gemacht und seitdem gar keinen Sex mehr gehabt. Das kommt aber relativ selten vor.

Vermeintliche Sicherheit hält davon ab, sich zu schützen und testen zu lassen. Wenn ich auf die Frage „Bist Du gesund?“ ein „Ja“ bekomme, dann könnte es gut sein, dass ich in der Folge mich so sicher fühle, dass ich selbst mich in den nächsten Monaten es nicht so wichtig finde, einen Test zu machen. Das heißt, eine möglicherweise erfolgte Infektion wird (a) nicht erkannt und (b) eher weiter verbreitet, weil man sich ja sicher fühlt.

„Bist Du gesund?“-Strategien halten einen davon ab, sich eine vernünftige Safer Sex Strategie zuzulegen. Wer sich Sorgen macht, ob sein Sexualverhalten ein medizinisches Risiko trägt, der kann entweder etwas Vernünftiges machen – nämlich sich in aller Ruhe und unter Berücksichtigung der eigenen Bedürfnisse und medizinischen Situation entweder für Kondome, PrEP oder Therapie als Prävention entscheiden – oder aber etwas Unvernünftiges – nämlich das Thema vor sich her schieben, versuchen eine Strategie „durchzuhalten“, die man dann aber nicht packt (insbesondere immer Kondome zu verwenden, wenn man dann aber doch Lust hat ohne und weiß, dass man das eigentlich nicht wirklich durchhält oder im Grunde seines Herzens gar nicht durchhalten möchte), und seine Ängste vor sexuell übertragbaren Krankheiten panisch übertreiben.

„Bist Du gesund?“-Strategien sind häufig diskriminierend oder zumindest verletzend für andere Menschen. Wer mit einem „Scannerblick“ durch die Gegend läuft und andere Menschen danach beurteilt, ob sie angeblich „gesund“ sind, der diskriminiert HIV-Positive, Menschen auf PrEP, Menschen, die sich eine sexuell übertragbare Krankheit eingefangen haben etc.

Er sorgt mit dafür, dass sich unsere Community nicht nach einer Gemeinschaft, sondern einem feindlichen Territorium anfühlt, in dem man abgelehnt werden kann wegen Dingen, für die man nichts kann bzw. die nichts mit dem Wert der eigenen Person zu tun haben. Jeder von uns weiß, wie wichtig es uns Menschen ist, gemocht und anerkannt zu werden. Eine Absage von jemand, mit dem man gerade heiß geflirtet hat, mit der Begründung „du bist aber eine Schlampe“, „Du hast bestimmt einen Tripper“ oder ähnliches ist verletzend und macht unsere Community ein Stück kälter.

Langfristig verleiten „Bist Du gesund?“-Strategien andere Menschen dazu, Dich anzulügen. Wenn viele Männer auf Dating-Plattformen etc. andere verletzen, die auf die Frage „Bist Du gesund?“ nicht mit einem jubelnden „Ja, klar“ antworten, dann führt das dazu, dass immer mehr Männer sich vor dieser Verletzung schützen wollen – indem sie nicht mehr offen darüber sprechen, wie ihre Safer Sex Strategie aussieht und/oder wie ihr HIV-Status ist. Also wird die Tatsache, dass jemand positiv ist, PrEP nimmt oder zumindest mehrere Sexualpartner hat verschämt verborgen. Im Einzelfall kann man das niemandem vorwerfen.

Für unsere Community bedeutet das aber, dass wir uns alle daran gewöhnen, eine Maske zu tragen und uns selbst und anderen gegenüber nicht ehrlich zu sein.

Und das ist genau das Gegenteil von dem, was wir doch eigentlich wollen: bedeutungsvolle, spannende, lustvolle und leidenschaftliche Beziehungen zu anderen Menschen, die Freude machen, geil sind, allen Beteiligten ein gutes Gefühl geben und die unser Leben besser machen, nicht schlechter.

3. Fälle, in denen Gespräche ein sinnvoller Teil einer Safer Sex Strategie sein können

Natürlich gibt es nicht nur Schwarz-Weiß. Und es gibt tatsächlich Situationen und Fälle, in denen man über ein Gespräch sinnvoll die Safer Sex Strategie anpassen kann. Insbesondere gilt das für den Fall, dass einer der Partner sich normalerweise mit Kondomen schützt, dieses aber in einer besonderen Situation weglassen möchte, weil der andere biomedizinisch geschützt ist (PrEP oder TasP) oder weil der andere wirklich sicher negativ ist (siehe Artikel „Mythos: Monogamie schützt“)

Wenn Du also selbst weder PrEP noch TasP nimmst und trotzdem Sex ohne Gummi haben willst, kann das in folgenden Situationen sinnvoll sein:

(a) Wenn der andere PrEP oder TasP nimmt, Du ihm wirklich vertraust, dass er das sinnvoll tut (z.B. weil er Dir glaubhaft Details erzählen kann, z.B. welchen Arzt er besucht oder wie er die Medikamente aufbewahrt) und Du insgesamt das Gefühl hast, dass das jemand ist, der offen über diese Themen spricht und sich einigermaßen auskennt

(b) Wenn ihr beide wirklich sicher negativ seid, das heißt Euer letzter Sex lag mehr als 6 bzw. 12 Wochen (je nach Test) vor dem letzten negativen HIV-Test und ihr hattet beide seitdem keinen anderen Sex.

Diese beiden Ausnahmen funktionieren aber nur, wenn ihr Euch die Zeit nehmt, etwas ausführlicher über all diese Themen zu sprechen und Euch kennt und der Ehrlichkeit des jeweils anderen vertrauen könnt. Dazu gehört vor allem auch, dass Ihr eine gute Regelung habt, wie ihr darüber sprecht, falls sich diese Situation ändert, z.B. weil einer von Euch mit einem dritten Sex hatte.

Als Strategie für schnelle Kontakte in Bars oder Clubs oder erste Dates auf einer Online-Plattform rate ich von dieser Strategie wirklich ab. Da hilft nur: Entweder Kondom oder PrEP oder TasP.

Und was soll ich jetzt tun?


Eigentlich ist es ganz einfach:

  • Beschäftige Dich ausführlich und in Ruhe mit den drei Optionen Kondom, PrEP und TasP, gerne auch bei uns in der PrEP-Beratung.
  • Entscheide Dich für eine Strategie, die zu Deinen Bedürfnissen passt (also sei ehrlich: WILLST Du Sex ohne Gummi? Dann gestehe Dir das auch ein. Sonst ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Du die Kondomstrategie bei der erstbesten Gelegenheit über den Haufen wirfst) und halte diese durch
  • Hör auf, andere zu fragen „bist Du gesund?“, frag lieber so etwas wie „wie ist Deine Safer Sex Strategie?“. Und trainiere Dich darin, andere nicht abzuwerten oder zu diskriminieren, wenn deren Antwort auf diese Frage anders ausfällt, als Du es Dir erwartet hast.
  • Geh regelmäßig zum HIV und STI-Test und lass Dich behandeln, falls Du Dich mit einer der Erkrankungen infiziert haben solltest
  • Beschäftige Dich mit Deinen Ängsten und rede mit jemand darüber
  • Falls Du Dich für Kondome entscheidest, aber weißt, dass Du ab und an Sex ohne Kondome haben möchtest, dann überlege Dir vorher, wie Du damit umgehen möchtest. Mitten im heißen Gewühl einer Sexparty nach drei Bier ist kein guter Zeitpunkt um sich zu überlegen, ob Du der Aussage „bin auf PrEP“ glauben möchtest oder nicht.

Anmerkung: in einer früheren Version dieses Textes wurde Serosorting fälschlicherweise als Zero Sorting bezeichnet. Außerdem wurde das altmodische und tendenziell Abwertung befördernde Kürzel STD statt STI verwendet. Beides wurde inzwischen korrigiert. Danke an Michael für den Hinweis.

Urgenusswurzel :: schwul :: sexpositiv :: herzlich Ehrenamtlicher PrEP-Berater im Sub München Aktivist für LGBTQ*I Empowerment

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