Mythos „Monogamie schützt“

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„Mein Schatz und ich vertrauen uns – da brauche ich keinen Schutz“

Schützt Monogamie ausreichend vor HIV?

Und falls ja – wie und in welchen Fällen?

Ohoh, ein heißes Eisen. Ich wage mich Mal dran und hoffe, nicht in der Luft zerrissen zu werden. Zunächst: Mir geht es hier nicht darum, bestimmte Beziehungskonzepte zu bewerten, sondern ausschließlich um die Fragen rund um Safer Sex in festen Beziehungen.

1. Die medizinischen Basics

Die sind eigentlich noch ganz einfach: Egal ob Beziehung oder nicht, ein negativer HIV-Test ist nur aussagekräftig, wenn das „Risikoereignis“, also Dein letzter Sex ohne Gummi, PrEP oder TasP mehr als 6 bzw. 12 Wochen her sind (das sogenannte „Testfenster“, ob 6 oder 12 Wochen hängt vom verwendeten Test ab).

Heißt: Einfach weil man frisch verliebt ist, auf Schutz verzichten, ist keine gute Idee, denn es kann ja in der Zeit VOR der Beziehung eine Infektion passiert sein. Wenn allerdings beide (oder alle drei, vier.. ) den Test nach Testfenster machen und dieser negativ ist, steht rein medizinisch ungeschütztem Sex nichts im Wege, so lange nur diese beiden (oder drei, oder vier…) Personen Sex miteinander haben.

ABER.. (und das „Aber“ ist leider dick und fett) es gibt ja noch

2. Die psychologische Seite

Und die ist tricky.

2a. Risikofaktor Liebe

Wer verliebt ist sieht den anderen mit der rosaroten Brille. Das verzerrt unsere Wahrnehmung.

Wir WOLLEN den wunderbaren Märchenprinz – und im Rausch der Gefühle SEHEN wir dann auch genau diesen.

Das heißt, die Wahrscheinlichkeit nicht ganz genau nachzufragen, Mal im Eifer des Gefechts durchzustarten, oder auch über eigene Vorfälle vor der Beziehung hinwegzusehen, steigt.

2b. Risikofaktor Monogamiekeule

Wenn Monogamie verstanden wird als „wenn du fremdgehst, verlasse ich Dich“, wird sie schnell zur Bedrohung.

Das gilt, falls der Gedanke explizit ausgesprochen ist, aber kann auch gelten, wenn ihr da gar nicht so genau drüber geredet habt. Denn es kann durchaus sein, dass eure nicht ausgesprochenen Vorstellungen von Monogamie unterschiedlicher sind, als ihr denkt.

Wenn jetzt in so einer Beziehung dann eben doch ein Seitensprung passiert, egal warum, dann ist die Hürde groß, es dem anderen zu erzählen. Noch dazu, wenn der gerade lüstern über einen herfällt. 😉

Und „schwupps“ ist es passiert – man hatte unsafen Sex mit seinem Partner. Spätestens jetzt wäre es eine sehr gute Idee, offen zu sprechen (immerhin könnte der andere noch eine PEP nehmen) – aber falls man sich das auch nicht traut, wird das Gebäude aus Schuldgefühlen und zu verbergenden Dingen immer größer und damit auch die Neigung, nichts zu sagen.

2c. Risikofaktor Vertrauen

Wir allen wollen gerne unseren Partnern vertrauen können.

Ein Partner der sagt „ich vertraue Dir nicht“ – das wäre bei vielen schon ein guter Grund für ein Beziehungsklärungsgespräch. Und schon wieder kein schöner Vögelabend 😉

Das Problem daran ist, dass wir Menschen dazu neigen, Vertrauen in einem Bereich (z.B. „ich vertraue Dir, dass Du mir wohlgesonnen bist und mir nur Gutes wünscht“) auszuweiten auf Vertrauen in einen anderen Bereich, z.B. „ich vertraue Dir, dass Du medizinisch sehr gut über Safer Sex informiert bist“.

Dabei hat das Eine wenig mit dem anderen zu tun.

Es ist sehr leicht vorstellbar, dass ein Mensch die besten Absichten hat, seinen Partner aufrichtig liebt, ihm nur Gutes will – aber leider medizinisch falsch informiert ist und z.B. nicht weiß, dass Tripper mit Abstrich oder Urin, nicht aber mit Bluttest nachgewiesen wird. Oder denkt, aktiver Analverkehr ohne Abspritzen sei Safer Sex (ist es nicht ohne Kondom, PrEP oder TasP).

Und so kann leicht falsches Vertrauen entstehen – und auf der Basis schlimmstenfalls eine HIV-Infektion.

Fazit:

Ob Du während einer festen monogamen Beziehung auf Safer Sex (Kondome, PrEP oder TasP) verzichtest, musst du natürlich selbst wissen.

Aber zum Schutz vor HIV halte ich das nur für zielführend, wenn

(a) Ihr beide einen HIV Test habt der mindestens 6 bzw. 12 Wochen nach dem letzten Risiko erfolgt ist – und negativ war (falls er positiv war, bleibt erstmal nur das Kondom oder die PrEP so lange bis der neu Infizierte durch Therapie unter Nachweisgrenze gekommen ist.).

(b) Ihr eine gute und klare Vereinbarung habt was passiert, falls einer doch fremd geht, der ihr beide vertraut und die sich nicht nach Katastrophe und „alles aus“ anfühlt.

(c) ihr regelmäßig offen darüber sprecht, inklusive der Möglichkeit, eure Treue-Vereinbarung zu ändern.

Viel zu bedenken? Was denkst du? Welcher Sex zu dir und deiner Beziehung passt, ist eine der zentralen Fragen in der PrEP-Beratung. Termine gibt’s hier.

Urgenusswurzel :: schwul :: sexpositiv :: herzlich Ehrenamtlicher PrEP-Berater im Sub München Aktivist für LGBTQ*I Empowerment

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