Mythos: „PrEP ist doch nur was für Schlampen“

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„Ich hab über PrEP nachgedacht – aber so eine Schlampe bin ich nun auch wieder nicht.“

„Meine Freunde sagen, wer PrEP nimmt ist eine Schlampe – dem möchte ich mich nicht aussetzen.“

Ein Satz, den ich vor allem von jungen Schwulen öfter höre. Was ist da dran?

1. Ist PrEP nur was für Leute, die viel Sex haben?

Nein, denn auch mit wenig Sex geht man als schwuler oder bisexueller Mann ein HIV-Risiko ein – und es gibt Dosierungsoptionen, die darauf angepasst sind.

Niemand gehört gerne zu einer Hochrisikogruppe. Deshalb reden sich viele von uns ein, nur Männer, die mit sehr vielen anderen Männern Sex haben, oder nur mit Leuten, die sie nicht gut kennen, wären die Zielgruppe von PrEP.

Das ist Blödsinn. Der HI-Virus interessiert sich nicht dafür, ob dein Sex sich moralisch einwandfrei angefühlt hat oder nicht. Wenn Du Anal-Sex mit Männern hast, auch mit nur einem einzigen, dann hast Du ein reales Risiko, Dich mit HIV zu infizieren, vor dem Du Dich immer mit Kondomen, PrEP oder Therapie als Prävention schützen solltest.

Das Risiko einer HIV-Übertragung kann bei scheinbar „braven“ Partnern sogar erhöht sein, weil diese manchmal ihr eigenes Risiko falsch einschätzen und sich deshalb möglicherweise weniger um Schutz und/oder Tests kümmern als jemand, der regelmäßig auf Sexparties geht und ganz selbstverständlich auch regelmäßig zum Test. Oder, weil sie Sorge haben, bei offenem Sprechen über eine „Seitensprung“ Eure Beziehung zu gefährden und deshalb Risiken verdrängen oder verschweigen.

Wenn Du das Gefühl hast, zu selten Risiken einzugehen, um täglich ein Medikament zu nehmen bleibt Dir entweder, konsequent Kondome zu verwenden, oder aber Du dosierst PrEP Deinem Bedarf angepasst:

  • „Urlaubs-PrEP“: Wenn Du nur in bestimmten Zeiten Sex hast, zum Beispiel im Urlaub, kannst Du die PrEP phasenweise nehmen (mind. 7 Tage vorher und nachher, in dieser Zeit täglich)
  • „PrEP on demand“ (Achtung, nur für analen Sex bei Männern* geeignet): In Deutschland zwar nicht offiziell zugelassen, aber als Off-Label-Option in der PrEP-Leitlinie explizit erwähnt. Wenn Du nur selten Sex hast, nimmst Du 24h-2h vor dem Sex zwei Pillen (als Doppeldosis), danach alle 24h eine Pille bis mindestens. 2 Tage nach dem Sex. Diese Option gilt auf Basis der Studienlage als sicher, allerdings mit weniger „Puffer“ als die tägliche Einnahme. Das bedeutet, dass die Risikoreduktion etwas niedriger ist als bei täglicher PrEP, aber immer noch sehr hoch. Du darfst hier bei der Einnahme allerdings keine Fehler machen, da weniger Wirkstoff im Körper ist.
  • “ PrEP DDSS“ (Achtung, nur für analen Sex bei Männern* geeignet): Wenn Du z.B. aus finanziellen Gründen, die Anzahl der genommenen Tabletten reduzieren möchtest, kannst Du auch auf 4 Pillen die Woche reduzieren, strukturiert im die Wochentage, die mit D und S beginnen. Das ist die Mindestzahl an Tabletten, die in den Studien eine volle Schutzwirkung hatte. Allerdings fehlt auch hier im Vergleich zur täglichen Einnahme der Risikopuffer, d.h. Dir dürfen keine Fehler unterlaufen, um die volle Schutzwirkung zu haben.

PrEP on demand und DDSS sind in Deutschland nicht offiziell zugelassen, weshalb viele Ärzte*innen davon abraten. Es gibt aber Studien, die deren Wirksamkeit zeigen (https://www.hivandmore.de/kongresse/ias2017/ipergay.shtml). Je nach dem wen du fragst wirst Du unterschiedliche Aussagen dazu bekommen. Mein Fazit bislang: auch diese Methoden haben eine sehr hohe Schutzwirkung, allerdings weniger „Fehlertoleranz“ als die tägliche Einnahme. Ob der Schutz genau gleich hoch ist wie bei der täglichen oder etwas geringer lässt sich m.E. aktuell noch nicht sicher sagen.

Außerdem sind sie auf Grund der unterschiedlichen Reaktion verschiedener Körpergewebe auf die Wirkstoffe nicht für Frauen oder Transmänner geeignet. Aber bevor Du Dich gar nicht schützt, sind sie für (CIS-Männer und Transfrauen, die Analsex haben) allemal eine bedenkenswerte Option, die das Risiko deutlich senken.

Allerdings ist die Studienlange bei PrEP on demand dünner als bei der täglichen Einnahme und für DDSS gibt es keine spezifischen Studien.

2. Ist es schlimm, eine Schlampe zu sein?

Nein, denn jeder Mensch hat das Recht, seine sexuellen Bedürfnisse und Wünsche zu leben, so lange er dabei nicht die Grenzen anderer Menschen überschreitet. Auch und gerade die, bei denen es darum geht, „Mal die Sau“ rauszulassen.

In jeder Gesellschaft gibt es sozialen Druck, sich moralisch einwandfrei zu verhalten. Viele schwule und bisexuelle Männer haben das Bedürfnis, zu zeigen, dass sie „ganz normal“ sind, verantwortungsbewusste Mitglieder der Gesellschaft. Daran ist auch nichts falsches – so lange das nicht dazu führt, dass man seine sexuellen Bedürfnisse als unmoralisch empfindet.

Menschen, die ein reges Sexualleben haben, abwertend als „Schlampen“ zu bezeichnen, ist keine gute Antwort auf das Bemühen, ein guter Mensch zu sein. Trau Dich, Deine Wünsche und Fantasien zu erforschen und zu realisieren. Übernimm dabei Verantwortung, indem Du Dich und andere sinnvoll schützt, aber nicht, indem Du so tust, als sei dieser Schutz abhängig vom moralischen Status Deines Gegenüber. Die Zeiten, in denen „leichte Mädchen“ sozial ausgestoßen wurden, sind gottlob in Deutschland für viele Menschen vorbei (leider nicht für alle).

Und wenn Deine Freund*innen wirklich welche sind, werden sie Dich bei diesem Weg unterstützen.

Und vielleicht probierst Du ja Mal aus, den Begriff Schlampe mit Stolz zu nutzen. 😉

3. Muss ich als PrEP-Nutzer*in mit Stigmatisierung rechnen?

Teilweise leider ja – aber selten. Und dafür wirst Du Zugang finden zu einer tollen, offenen Community von Menschen, die liebevoll und verantwortungsbewusst offene, freie und geile Sexualität leben.

Wir wissen alle – unsere Szene kann brutal sein. Insbesondere auf Dating-Plattformen und beim Weggehen wirst Du immer wieder Menschen treffen, die sich abwertend äußern. Das kann jede*n treffen, wegen seines Äußeren, seines Sexualverhaltens, seiner Herkunft, Geschlechtsidentität, körperlichen oder psychischen Einschränkungen, Alter oder sonst irgendwas, das den anderen reizt. Und ja, manche Menschen in unserer Szene sprechen auch abfällig über Menschen, die PrEP nehmen.

Aber – es gibt in unserer Szene viel mehr Menschen, die freundlich sind, offen, wertschätzend und neugierig. Die sich einsetzen gegen Diskriminierung und Abwertung und die eine tolle Community bauen wollen.

Falls Du Sorge hast, wegen PrEP diskriminiert zu werden, kannst Du Dich entscheiden,das Thema erst anzusprechen, wenn Du glaubst, Deinen Gegenüber einschätzen zu können. Oder Du entscheidest Dich für einen offenen Umgang und wappnest Dich innerlich gegen Angriffe. Am besten, indem Du Dich vernetzt mit anderen Menschen, die Dich verstehen.

Fazit: „PrEP nur für Schlampen“ ist kompletter Blödsinn. Mach die Frage, wie Du Dich vor HIV schützt, nicht abhängig von diskriminierendem Gerede. Erlaube Dir, das Sexualleben zu leben, das Du möchtest (ohne die Grenzen anderer zu verletzen) – und such Dir den Schutz, der dazu passt, auf Basis einer ehrlichen und offenen Einschätzung der Fakten und Deiner Bedürfnisse.

Wenn Du dabei einen vertrauensvollen Begleiter suchst, komm gerne zu uns in die PrEP-Beratung im Sub. Wir helfen Dir gerne, eine für Dich gute Entscheidung zu treffen.

* Bezüglich der medizinischen Wirkung meinen wir hier Cis-Männer, Transfrauen bzw. alle, die mit einem Penis geboren wurden. Bei Cis-Frauen, Transmännern und allen, die mit einer Vagina geboren sind gelten leider aus biologischen Gründen andere und längere Schutzzeiten (nur tägliche PrEP, mindestens 21 Tage vor und nach dem Sex).

Urgenusswurzel :: schwul :: sexpositiv :: herzlich Ehrenamtlicher PrEP-Berater im Sub München Aktivist für LGBTQ*I Empowerment

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