PrEP in München – wie alles begann

Seit Sommer 2017 bieten wir im Sub in München PrEP-Beratung. Wie und warum haben wir eigentlich damit angefangen? Wie schwappte die Welle aus den USA zu uns nach Deutschland – und nach München? Und wie könnte es weitergehen?

In diesem Text findest Du ein paar Hintergründe zu Vergangenheit und Zukunft unseres Angebots in München.

Die Vorgeschichte: New York, London, Berlin… aber München?

In den USA und mehreren anderen Ländern war PrEP schon seit ein paar Jahren ein Thema. In England und Frankreich gab es sehr hoffnungsvolle Studienergebnisse, die gesunkenen HIV-Infektionszahlen aus London ließen Aktivist*innen jubeln.

Aber in Deutschland war die Skepsis groß – auch in der Community. HIV-Medikamente nehmen, obwohl man negativ ist? Wer würde das machen? Und wäre das nicht wenn dann nur was für ganz, ganz spezielle Risikogruppen? Würden die Schwulen unverantwortlich damit umgehen?

Es war 2017, und ich, Jan, hatte gerade mit der Arbeit in Sachen HIV begonnen. Ich wollte mir beim Deutsch-Österreichischen AIDS-Kongress einen Überblick verschaffen und herausfinden, was in der Prävention wichtig sein würde.

Dass PrEP als Thema dazu gehört, war mir schon am Gleis in München klar – aber dass es unser Denken und Sprechen über Sex verwandeln würde, das noch nicht: In einem kleinen Raum fand das Community Board zu PrEP statt. Noch 10 Minuten nach Beginn drängten sich mehr und mehr Menschen in den Raum, saßen auf den Tischen, auf dem Boden, standen am Fenster, in den schmalen Gängen. Das Thema: HIV-PrEP in Deutschland, das Interesse war offensichtlich riesig.

Schnell hatten wir im Sub beschlossen, eine PrEP-Beratung aufzubauen, in der Menschen, die selbst PrEP nehmen, um sich vor HIV zu schützen, andere beraten. Wir wussten, dass sich die PrEP-Aktivisten in Deutschland über eine Facebook-Gruppe und eigene Website organisieren und sprachen einige von ihnen an, uns zu helfen.

Zu Beginn war Beratung wirklich wichtig und echte Pionierarbeit. In dieser Zeit war der Zugang zu PrEP kompliziert. Wer sie zu sinnvollen Konditionen haben wollte, musste sich in den grauen Markt begeben: Über England mussten Medikamente aus Asien oder Afrika importiert werden um die exorbitanten Medikamentenpreise in Deutschland zu umgehen: 800 Euro für eine Monatsration waren nur für Großverdiener eine wirkliche Option! Darüber hinaus war PrEP für viele Menschen völlig unbekannt und komplettes Neuland, wurde oft mit ‚Schutz durch Therapie‘ verwechselt oder ihre Wirksamkeit per se angezweifelt.

Die Anfänge: Viel Liebe, viel Mühe.

Wir verteilten Flyer, die auf die PrEP-Beratung aufmerksam machten, und posteten in den Facebook-Gruppen zum Thema Einladungen. Schnell hatten wir ein Team von vier Pionier-Beratern gefunden, die Lust hatten, als Aktivisten PrEP in München und Bayern zu dem zu machen, was es sein soll: Eine gleichberechtigte Safer-Sex Strategie. Und, für viele, auch ein Weg zu einer freieren, lustvolleren, angstfreieren und erfüllteren Sexualität.

Die ersten Schritte waren zaghaft und das Echo eher verhalten. Menschen sind ja sowieso eher skeptisch, was Neuerungen angeht. Auch lagen vor uns von Anfang an mehrere große Hindernisse: So wurde zu Beginn von vielen Ärzt*innen und Berater*innen erzählt, dass PrEP eben für die mit dem ganz hohen Risiko sei, nicht für „den Normalo“.

Das Problem: Die meisten Menschen, auch schwule Männer, halten sich für ziemliche Normalos, egal ob sie tatsächlich hohe Risiken eingehen oder nicht. Außerdem hatten (und haben) viele Menschen in der schwulen Szene das Gefühl, schon sehr genau über Safer Sex informiert zu sein – die Botschaft, dass es hier wirklich etwas Neues gibt, ist nicht ganz einfach unter die Leute zu kriegen. Und schließlich kämpften wir von Anfang an mit einer gewissen Scheu rund um die Frage „ist PrEP nicht nur was für Schlampen“?

Und doch: sie kamen. Mal mehr, mal weniger, oft zu langen Gesprächen und zunächst recht schüchtern. Viele die in die Beratung kommen hatten schon etwas über PrEP gelesen, manche hatten die Medikamente schon in der Tasche, andere wollten erstmal hören, was das eigentlich ist.

Oft genug verließen sehr beschwingte und befreite Menschen die Beratung: Zu hören, dass der Wunsch nach Sex ohne Kondom nichts schlechtes ist, sondern nachvollziehbar, in Ordnung und jetzt im Grundsatz auch mit Safer Sex vereinbar war und ist für viele eine Erleichterung, die manche kaum glauben können. Auch wenn nicht für jeden PrEP die richtige Strategie ist – alleine, offen über diese Wünsche sprechen zu können, war für viele eine neue Erfahrung.

Aber auch der Gedanke, dass keiner mehr HIV-positiv werden muss, dass wir eine reale Chance haben, noch in dieser Generation die frühere „Schwulenseuche“ AIDS zumindest in westlichen Ländern zu besiegen, wenn wir uns ins Zeug legen, hinterließ bei so manchem Staunen und Begeisterung.

Und schließlich merkten wir, wie wichtig es vielen unserer Gäste war, ehrlich und offen über Sexualität und Bedürfnisse zu sprechen, und wie außergewöhnlich das anscheinend auch war.

Die erste Welle: der Blister!

Mit der Einführung der „Kölsche Blister“-PrEP drehte sich dann das Blatt: für damals 50 (mittlerweile 40, Stand Feb. 2019) Euro / Monat wurde die PrEP dank des persönlichen Einsatzes eines einzelnen Apothekers in Köln für eine große Gruppe schwuler Männer erschwinglich. Durch die Berichterstattung über diese Möglichkeit kamen viele schwule Männer auf die Idee, selbst PrEP zu nehmen – und so mancher von ihnen auch in die PrEP-Beratung.

Heute, ein gutes Jahr nach der Einführung des „Kölschen Blister“, ist der aus unserer Berater-Sicht „einfache“ Teil der schwulen Männer erreicht: Männer, die viel in der Szene unterwegs sind, die viel und oft Sex haben, zu Sexpartys oder in Darkrooms gehen und – zumindest vor sich selbst – offen damit umgehen, dass sie das tun, wissen inzwischen mehrheitlich, was die PrEP ist und haben für sich eine informiere Entscheidung für oder gegen PrEP getroffen.

Wie geht’s weiter? Unsere Herausforderung.

Es bleiben für uns die „anderen“. Diejenigen, bei denen es irgendeine Hürde gibt, weshalb sie sich eben nicht eingehend und vernünfig mit PrEP beschäftigen. Und die aber trotzdem Sex ohne Kondom haben oder das gerne hätten. Glaubt man den aktuellen Befragungen, z.B. eines bekannten Chatportals, zu diesem Thema, ist die Gruppe derer, die nicht genügend wissen über PrEP, aber ungeschützten Sex haben, immer noch groß.

Wir möchten versuchen, so viele der „anderen“ zu erreichen wie möglich -auch mit diesem Blog. Egal was die Hürde ist, ob Vorbehalte gegenüber Medikamenten oder Sorge, im Freundeskreis als „Schlampe“ gesehen zu werden, ob Missverständnisse und Halbwissen zu PrEP oder schlicht finanzielle Engpässe – wir hoffen, möglichst viele Menschen erreichen zu können mit unserem Agebot.

Wichtig dabei: Wir wollen niemanden zur PrEP bekehren. Die PrEP ist auch nicht für jeden schwulen oder bisexuellen Mann das Richtige. Aber wir glauben, dass jede*r eine eigene Haltung entwickeln sollte zu Fragen wie: Möchte ich PrEP nehmen – und falls ja, was muss ich dann tun? Wie gehe ich damit um, wenn andere, die ich treffe, PrEP nehmen – wie möchte ich da reagieren? Und wie möchte ich über PrEP sprechen – mit Freund*innen, Mentees, Kolleg*innen? Wie gehe ich damit um wenn ich mitbekomme, dass sich jemand, den ich kenne, gefährdet?

Für eine solche Haltung braucht es vollständige Information und eine vorurteilsfreie Gesprächsumgebung. Und die versuchen wir, in der PrEP-Beratung zu bieten.

Wie geht’s weiter? Finanzierung.

Ab August 2019 wird die PrEP schon von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen werden. Noch ist nicht klar, wie und auf welche Weise: Nur die Medikamente? Oder auch die regelmäßigen Tests? Was bedeutet das für die schwule Szene und für den Sex? Wird PrEP zum neuen Standard? Wenn ich mit der PrEP auch die Test umsonst bekomme, machen dann ‚alle‘ PrEP? Werden wir Aids besiegen? Oder schaffen wir nur ein neues Dogma?

Viele spannende Fragen, die sich eine immer größere Gruppe von schwulen und bisexuellen Männern stellen wird – auch in Bayern.

Wir richten uns deshalb auf höheren Beratungsbedarf ein. Spannend wird es auch, wie die Ärzt*innen mit dem zu erwartenden Ansturm umgehen. Oder bleiben die Deutschen bei ihrer Angst vor Pillen und Medikamenten? So oder so: Alles bleibt anders.

Mein Fazit

Warum also PrEP-Beratung? Weil wir alle eingetrichtert bekommen haben, dass nur Sex mit Kondom guter, verantwortungsvoller Sex ist. Und weil das so pauschal einfach nicht mehr stimmt: Seit 10 Jahren gibt es ‚Schutz durch Therapie‘. Und die 3. Säule PrEP ist jetzt ’nur‘ ein weiterer Baustein, der schwulen Sex schöner machen wird. Weil es also wichtig ist, schwule und bisexuelle Männer dabei zu unterstützen, für sich selbst zu entscheiden, wie sie ihre Bedürfnisse und den Infektionsschutz überein bringen möchten.

Ur-Genusswurzel: Schwul, sexpositiv, herrlich herzlich. Stolzer Berufsschwuler: HIV-Prävention in der Schwulen Szene. Theaterautor und LGBTIQ*-supporter.

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