Schutz

Last modified date

Theatertext von Florian, uraufgeführt im Rahmen des Happenings „New Beginnings“ von Alexander Giesche an den Münchner Kammerspiele

(1)

Anzug. Brille. Uhr. Bügeln.

Stell dir vor, Du bist 7. Lager Eurer Bande im Wald. Der Bandenchef. Braune Locken. Wundgebissene Handballen. Du hilfst ihm bei den Hausaufgaben, er beschützt Dich vor den bösen Jungs. Er wird später Kapitän einer Rugbymannschaft sein.

Stell dir vor, Du bist 14. Umkleidekabine nach dem Sport. Die anderen. Haare am Körper. Männergeruch. Du. Dick. Brüste. Keine Haare. Kein Geruch. Rotes Polyester, weiße Tennissocken. Duschchallenge: wer traut sich nackt. Bist schwul oder was? Als er seinen Schwanz aus der Hose rutschen lässt erschrickst Du. Sag’s keinem. Wir sind doch Freunde.

Stell dir vor, Du bist 15. Sofa der neuen Freundin Deines Papas. Der STERN mit Bildstrecke zu AIDS. Bild einer Schwulensauna in New York. Muskulöse Männer mit Behaarung, einander zugewandt. Gesichter ausgeblendet. Du. Druck in der Hose. Heiße Wangen. Die Erwachsenen kommen. Du blätterst schnell um.

Stell dir vor, Du bist 18. Kabine im Schulklo. Ein Zettel wird unter der Trennwand hindurch geschoben. Der Schulskinhead. Großes Geheimnis. Du: jetzt ein Mentor. Nimmst ihn mit zur schwulen Jugendgruppe, die Du inzwischen leitest. Ungeküsst. Unbeleckt. Jahre später wird er sich vor einen Zug werfen.

Stell dir vor, Du bist 18. Bahnhofsklo. Aufgeregt, nervös, fiebrig. Loch in der Wand. Ein Schwanz wird duchgeschoben. Dir wird schlecht. Dein Körper ist so ekelerregend, dass nur jemand, der dich wirklich liebt, diesen Ekel überwinden kann.

Stell dir vor, Du bist 19. Büro der AIDS-Hilfe. Die Leiterin des Pflegedienstes. “Was machen Sie, wenn Sie die Tür zur Patientenwohnung öffnen und auf dem Boden ist Kotze?” Du weißt: Dieser Job wird alle Geheimnisse lüften. Du sagst “ich putze auf”.

Stell dir vor, Du bist 20. Eigenes Sofa. Ein Satz auf einer CD. “Ich habe Schlimmeres erlebt. I lived in New York, in the 80s”

(2)

Anzug, Brille. Ausziehen.

1998.

Safer Sex ist ganz einfach. Blasen ohne Abspritzen. Ficken nur mit Kondom. Pass bloß auf, dass Du Dich nicht ansteckst”.

Die lange Liste des Scheiterns.

  • 22, im Darkroom Sperma geschluckt. Der Typ hat einfach nix gesagt.
  • 22, Sperma geschluckt. Der Typ arbeitet bei der AIDS-Hilfe und sagt es ist sicher.
  • 23, ohne Gummi ficken lassen. Frisch verliebt, er war vorher monogam.
  • 26, Sperma geschluckt. Ist inzwischen normal.
  • 27, seit Jahren kein Analverkehr mehr. Keine Erektion.
  • 31, ohne Gummi gefickt. Ein Freund, man kennt sich, man vertraut sich.
  • 33, ohne Gummi gefickt. Zu viel Bier. Den Typen überredet. Panik, als er sich nen Tripper holt. Gottlob nichts passiert.
  • 37, erster Test nach mehreren Jahren. Die tadelnden Blicke der Krankenschwestern einfach nicht mehr ausgehalten. Große Erleichterung.

Stell Dir vor, Du bist 38. Beratungsbüro der AIDS-Hilfe. Der Berater ist selbst HIV Positiv. Ihr sprecht über Sex. Viel zu lang, zu persönlich, zu konkret. Er fragt Dich Dinge, die Du nie zuvor gefragt wurdest: Willst Du denn Sex ohne Kondom? Wäre die PEP, eine medikamentöse Prophylaxe dann nicht was für Dich? Das ist eine neue Möglichkeit, die es jetzt gibt. Warum suchst Du Dir nicht Positive unter Nachweisgrenze, wenn Du ohne Gummi vögeln willst?

Stell Dir vor, es gab nie die Möglichkeit, ohne Sünde zu leben.

Stell Dir vor, du denkst zum ersten Mal diesen Satz.

Sex ohne Angst.

Stell Dir vor, Du sagst: Auf keinen Fall.

Das ist doch nur was für die anderen.

Die Barebacker.

Die Chem-Sex-Leute.

Die Partyficker.

Ich bin nicht so einer.

2018.

Safer Sex ist kompliziert. Entweder: Therapie als Prävention – weil HIV-Infizierte unter Nachweisgrenze niemanden anstecken können. Alternativ: Kondome – weil die physische Barriere die Wahrscheinlichkeit für eine Infektion deutlich senkt. Oder aber: PrEP- die Präexpositionsprophylaxe – weil eine täglich eingenommene Pille genauso gut vor HIV schützt wie ein Kondom, aber für manche leichter konsequent anzuwenden ist.

“Überleg Dir, welche Safer Sex Strategie für Dich passt”.

(3)

Blackout. Umziehen.

(4)

Sportswear & Sneakers, Lederarmband. Ganz nah.

Stell Dir vor, Du bist 39 und sicher beschützt. Dein Schreibtisch. Du schreibst einen Text über deine Welt. Traurig, wütend. Zu viele Wörter bedürfen der Erklärung. Jetzt mit der Ehe für alle seid ihr doch ganz normal.

Stell Dir vor, Du bist 39 und sicher beschützt. Darkroom im Man-Only-Lokal. Du willst einmal wissen wie es ist. Nackt, geschlossene Augen, jeder darf mal ran. Du trinkst Dir Mut an. Du fliegst. Jeder darf mal rein. Im Chat am nächsten Morgen entdeckst Du, dass Dein geiler Machofucker ein arrogantes Arschloch ist. Du blockst ihn.

Stell Dir vor, Du bist 39 und sicher beschützt. U-Bahn zur Probe. Du hast Angst, dass der Regisseur deinen Text scheiße findet. Du hast Angst, dass er dich hässlich findet. Du hast überhaupt zu viel Angst. Du beschließt das zu ändern.

Stell Dir vor, Du bist 39 und sicher beschützt. Birkensee. Ein amerikanischer Austauschstudent. Ihr entsteigt dem Wasser auf einer verlassenen Halbinsel. Ihr macht Liebe. Ihr seid beide völlig nackt. Keine Schuhe, keine Hose, kein Gummi. Nachdem du in ihm gekommen bist bleibt Ihr ganz nah. Löst nicht die Umarmung. Ihr bemerkt die Zuschauer. Anerkennende Blicke. Applaus.

Stell Dir vor, Du bist 39 und sicher beschützt. Schwullesbisches Chorfestival. Ein alter Bekannter. Du erzählst, von diesem Auftritt, von der PrEP. Er verdreht abschätzig die Augen. “Ist trotzdem russisch Roulette. Du versuchst, ihm keine Vortrag zu halten.

Stell Dir vor, Du bist 39 und sicher beschützt. Darkroom im Man-Only-Lokal. Du kommst von einem dienstlichen Abendessen und bist noch im Anzug. Dein Kollege, 59, Millionär, robbt auf dich zu. “Piss mich an.” Du findest sein Verhalten abstoßend. Du gehst.

Urgenusswurzel :: schwul :: sexpositiv :: herzlich Ehrenamtlicher PrEP-Berater im Sub München Aktivist für LGBTQ*I Empowerment

Share